Frustrierende Veröffentlichungspolitik der Musikindustrie
22. Januar 2010 von Martin Wolkner
Kategorie: Allgemein, Musik
Auch wenn sich die Musikindustrie seit 1999 regelmäßig über stetig sinkende Verkaufszahlen beschwert, werden nach wie vor jährlich Millionen physische Musikdatenträger verkauft (nur 7% des Umsatzes wird über Downloads gemacht). Gleichzeitig wird dort der größte Schmu mit zahlenden Kunden getrieben. Gerade die größten Fans, die für ihre Idole viel Geld hinzulegen bereit sind, werden abgezockt.
In den letzten Jahren hatte die Musikindustrie angekündigt, auf ehrlichere Verkaufsstrategien zu satteln, um das Vertrauen der Käufer zurückzugewinnen. Gleich bei Erscheinen eines Albums sollte es gestaffelte Versionen geben: Basic ohne Booklet, Standard mit Booklet und Deluxe mit zusätzlichem Bonus. Schnell haben die angeschlagenen Majorlabel zurückgerudert und doch wieder auf Abzocke gesetzt.
Tatsächlich gibt es die Einfachvariante in Pappbox erst einige Zeit nach Veröffentlichung. Damit kann man noch gut leben, aber das Deluxe- und Bonus-Treiben der Industrie frustriert und vergrault selbst treuste CD-Käufer.
Bei Erstveröffentlichung gibt es meist eine Variante mit kleinen Extragaben, einem Bonustrack oder gar einer Live-DVD. Wie übel gerade die Qualität.der Bonus-DVD grauenhaft sein kann, beweist das neue Backstreet-Boys-Album “This Is Us”: das Album ist gut, aber die beigelegte Live-DVD ist von der Tonabmischung unter aller Würde. Dabei sollte man den treuen Fans der Künstler, welche ja hauptsächlich zu diesen Deluxe-Fassungen greifen und bereitwillig beachtlich mehr zahlen, etwas Vernünftiges bieten.
Aber wie alle im großen Business ist man nur aufs schnelle Geld aus. Dass Kundenzufriedenheit langfristig mehr einbringt, ist den Quartalszahlendenkern schnuppe. Sie liefern lieber billige Qualität für einen schnellen Euro mehr in der aktuellen Bilanz. Voraussicht kennt man nicht.
Hat man den Kunden zum Kauf verführt, wandelt sich die Freude über den ergatterten Bonus sehr schnell in tiefe Frustration zu wandeln. Denn schon kurze Zeit später wird wieder eine neuere, noch exklusivere Ausgabe mit noch mehr Bonusliedern veröffentlicht. Diese Vorgehensweise soll die Verkäufe anheizen und das Album möglichst lange in den Charts halten. Auch hier ist die langfristige Kundenzufriedenheit nebensächlich. Genauso ist den Labels dabei weniger wichtig, den Fans neues Material zugänglich zu machen als das Absinken in den Charts zu verzögern. Das ähnelt doch sehr der Taktik Abwrackprämie, mit der der Einbruch auf dem Automarkt auf ein Jahr verschoben wurde. Das Tal danach wird umso tiefer sein.
In einer fortsetzenden Reihe werde ich mich mit den Veröffentlichungen verschiedener Alben beschäftigen.


Teil 1: “Give Me Fire” von Mando Diao
Teil 2: “The Fame (Monster)” von Lady Gaga
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